Straßenbahn


Das Übrige

Pressemeldung vom 11.05.2011

"Roll-In" am Freitag / Lärm- und Erschütterungsprobleme in Graz / Tram-Engpass beim ViP

von Guido Berg

Die erste Tram vom Typ Variobahn wird in der Nacht zu Freitag dieser Woche an den Potsdamer Verkehrsbetrieb ViP ausgeliefert. Das bestätigte gestern die Sprecherin des Herstellers Stadler, Katrin Block, auf PNN-Anfrage. Potsdam kauft zum Stückpreis von etwa 2,5 Millionen Euro zunächst zehn 100-prozentige Niederflur-Straßenbahnen von dem Schweizer Hersteller und hält eine Option für den Erwerb weiterer acht dieser Fahrzeuge. Gebaut werden die Variobahnen in Berlin-Pankow. Der Stadler-Sprecherin zufolge wird die erste Potsdamer Variobahn am Donnerstagabend gegen 22 Uhr vom Testgelände in Velten (Oberhavel) per Tieflader über den westlichen Autobahnring nach Potsdam transportiert. Am nächsten Tag veranstaltet der ViP ein feierliches "Roll-in" der neuen Bahn auf dem ViP-Betriebshof. Der Beginn des Fahrgastbetriebes ist für September vorgesehen.

Seit dem technischen Desaster mit den Combino-Bahnen von Siemens werden Tram-Käufe in Potsdam kritisch begleitet. Potsdam hatte als erste Stadt überhaupt Combino-Trams gekauft. Nach technischen Problemen musste Siemens 2004 zeitweilig alle Combinos weltweit aus dem Verkehr ziehen. Aktuelle Medienberichte aus der Stadt Graz (Österreich), die 45 Variobahnen bestellt hat, machen aus diesem Grund in Potsdam hellhörig. Die Variobahnen sollen im Betrieb zu laut sein; Anwohner beschweren sich. Zuletzt hatte sogar der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl in einem Zeitungs-Interview gegenüber Stadler "eine härtere Gangart" gefordert und "im schlimmsten Fall" einen Ausstieg aus dem Vertrag mit Stadler angedroht. Der Sprecher des kommunalen Verkehrsunternehmens Graz-Linien, Gerald Pichler, versuchte gestern gegenüber den PNN den Ball flach zu halten. Es gebe Anrainer, denen die Variobahn zu laut sei und die protestierten. Allerdings sei die Lautstärke-Wahrnehmung subjektiv; die Fahrzeuge selber hielten alle Auflagen ein. Dessen ungeachtet bemühe sich Stadler um "Adaptionsmaßnahmen". Pichler: "Wir kriegen das in den Griff." Der Tramlärm in Graz hänge mit der spezifischen Infrastruktur vor Ort zusammen. So führten Tramlinien durch sehr enge Straßen der Grazer Altstadt. Auch Stadler-Sprecherin Block versicherte, die Grazer Variobahnen hielten alle Lautstärke-Normen ein. Demgegenüber liegt den PNN das Schreiben einer Grazer Anwohner-Initiative vor. Darin heißt es: "Von einem unabhängigen technischen Büro wurden bis zu vierfach höhere Erschütterungen in unseren Gebäuden im Vergleich zum zehn Jahre alten Cityrunner (Bombardier) gemessen". Stadtwerkechef Peter Paffhausen, nach dem Ausscheiden von Martin Weis amtierender ViP-Chef, teilte gestern mit: Der ViP "informiert sich über die Vorgänge um die Variobahn in Graz". Zur Frage der Lieferung der zweiten Tranche von acht Fahrzeugen "werden sich die Geschäftsführung und der Aufsichtsrat ausführlich beraten", so Paffhausen weiter.

Indes konnte Stadler hinsichtlich der ersten Potsdamer Variobahn nicht alle Tests auf dem eigenen Werksgelände in Velten absolvieren. Ein Testgleis ist defekt, so Katrin Block. Darum würden einer Vereinbarung mit der Stadt Potsdam zufolge einige Tests in Potsdam absolviert. Bis zum Herbst müsse die Bahn zugelassen und die Fahrer geschult werden.

Die neuen Variobahnen werden in Potsdam dringend erwartet. Der Bedarf an niederflurigen Bahnen kann von den 17 Combinos nicht gedeckt werden. Die übrigen Tatra-Bahnen, geliefert in den 1980er Jahren, sind Hochflurbahnen – mit Nachteilen für Rollstuhlfahrer. Allerdings musste der Verkehrsbetrieb gestern eingestehen, nicht nur nicht genug Niederflurbahnen, sondern zu wenig Bahnen überhaupt zu haben. Nach einem Auffahrunfall zweier Tatra-Züge sowie einen nicht durch die ViP verursachten Unfall mit einem Combino gebe es "einen vorübergehenden Engpass in der Fahrzeugreserve", teilte ViP-Sprecher Klotz den PNN mit.

Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten